Wenn man etwas ganz Neues beginnt, überlegt man sich das gut.
Die Umstellung unseres Milchkuhbetriebes auf Fleischrinder in Weidehaltung, war solch ein neues Projekt. Wir haben den Gedanken 2 Jahre lang bewegt, viele Betriebe besichtigt und Rinderrassen beschaut. Gesucht haben wir dabei nach einem Rind, das mit unserer Bodenqualität und unserem Futter sehr gut zurechtkommt und gut für sich selbst sorgt. Wir wollten keine Hochleistungsrindern, sondern vor allem gesunde.
Entschieden haben wir uns dann für Limousin-Rinder, benannt nach der Region Limousin in Frankreich. Diese Rinder haben uns von Anfang an begeistert. Wir haben sie bei unseren Besichtigungen in ihrem Wesen als sehr ursprünglich kennengelernt (vor allem in Bezug auf Mutter-, Herden- und Fluchttrieb), robust, mit gesunden Klauen, der Fähigkeit leicht und selbständig zu kalben und mit einer besonderen Fleischqualität.
Auch so lange nach der Umstellung freuen wir uns, dass wir die für uns richtige Rasse gefunden haben: unsere hellbraunen Rinder gefallen uns einfach. Und davon laufen derzeit rund 165 über unsere knapp 60 Hektar Weiden.
Übrigens: sollte Ihnen aufgefallen sein, dass viele unserer Rinder keine Hörner haben. Das war eine Laune der Natur, die weitergezüchtet wurde. Daher bezeichnet man diese Rinder als genetisch hornlos.
Seit vielen Jahren liest man von der Kuh als Klimakiller, weil man jahrzehntelang nur die vorherrschende industrielle konventionelle Haltung der Rinder wissenschaftlich untersucht hat.
Man hat leider nie die Frage gestellt, wie man Rinder halten müsste, damit sie klimaneutral sind – nämlich auf Grünland und in einer ökologischen Kreislaufwirtschaft.
Die neuere Forschung betrachtet nun die unterschiedlichen Haltungsweisen und kann die Einschätzung der Kuh als genereller Klimakiller nicht mehr vertreten.
"It´s not the cow, it´s the how!"
Beispielsweise kommt Fr. Dr. Anita Idel (verantwortliche Autorin des Weltagrarberichtes 2005-2008, Lehrauftrag Uni Kassel) zu folgenden Ergebnissen mit denen sie lang verbreitete Mythen entkräftigt, die auch andere wie z.B. Prof. Dr. Frank Mitlöhner University of California oder Prof. Onoro Poppinga bestätigt und veröffentlich haben:
1) Kühe sind relativ gute Futterverwerter, wenn sie überwiegend frisches Gras fressen. Kühe sind nur dann schlechte Futterverwerter, wenn sie nahezu ausschließlich mit Ackerfrüchten wie Soja, Getreide und Mais gefüttert werden.
2) Kühe sind mit Grasfütterung auch keine Futterkonkurrenten des Menschen, denn Gras kann er nicht essen.
3) Kühe sind keine Klimakiller:
a. Würde sich die weltweite Rinderherde nicht erhöhen, würde auch das Methan bezogen auf die Rinderhaltung gleich bleiben und keinen zusätzlichen Ausstoß verursachen.
In vielen Untersuchungen hat man bisher den Fehler gemacht, nur die Ausscheidungen zu untersuchen und darin ist Methan enthalten. Und je industrieller eine Kuh ernährt wird, desto höher wird diese in den Ausscheidungen. Wenn sie also wieder Gras frisst, ist die Methan-Ausscheidung deutlich geringer.
Betrachtet man aber den Gesamtkreislauf, in dem sich die Kuh befindet, also Fressen, Verdauen, Ausscheiden, Düngen, Graswachstum und Atmosphäre, dann bleibt das Methan laut obigen Wissenschaftlern gleich.
b. Eine extensive Weidehaltung von Fleischrinder speichert laut Idel CO2.
Der Mechanismus: Wenn Kühe Gras fressen, stimulieren sie das Wurzelwachstum der Pflanzen. Dadurch wird vermehrt Kohlenstoff im Boden als Humus gebunden. Jede zusätzliche Tonne Humus entlastet die Atmosphäre um etwa 1,8 Tonnen CO₂.
Grünland bindet etwa doppelt so viel CO2 als Acker:
Untersucht man industriell gehaltene Kühe, die überwiegend mit Ackerfrüchten wie Soja, Mais und Getreide gefüttert werden, wird für einen Liter Milch 1,1 kg CO2 freigesetzt.
Aber für eine auf Weide gehaltene Milchkuh reduziert sich das schon auf etwa 0,6 kg pro Liter Milch.
Dagegen könnten vegetarische Alternativprodukte vielleicht eine bessere Bilanz haben?
Wieviel kg CO2 wird zum Beispiel für die Produktion eines Liters Hafermilch benötigt? 0,3 kg, also die Hälfte. ABER, da der Acker auch wiederum nur die Hälfte an CO2 speichern kann, sind lauf Wissenschaft erstaunlicherweise beide Erzeugungen (Weidemilch und Hafermilch) bezüglich CO2 gleich einzuschätzen.
c. Ein weitere Frage ist, ob Kühe zu viel Land verbrauchen. Aber 70 % der weltweiten landwirtschaftlichen Fläche sind dauerhaftes Grasland und Gras kann der Mensch nicht essen. Da sich diese Grasflächen aber auch nicht für den Anbau von Gemüse eignen, kann man sie nur über die Fütterung von Tieren für die Ernährung der Weltbevölkerung nutzen.
Keine Fütterung mit Gras und keine Weidetiere würde bedeuten, man nimmt 70% der weltweiten landwirtschaftlichen Fläche aus der Lebensmittelproduktion. Wie wollen wir dann die wachsende Weltbevölkerung nachhaltig ernähren?
d. Aber lässt man die Ernährung außer Acht, könnte man Wälder darauf pflanzen, um vielleicht mehr CO2 speichern zu können. Diesen Gedanken haben auch schon einige Forscher verfolgt.
Bei der Betrachtung, ob Wald oder Gras mehr CO2 speichert, wurde bisher immer nur das (oberirdische) Gras bewertet. Zieht man aber die viel größere Wurzelmasse des Grases unter der Erde mit in Betracht, scheint Gras ähnlich viel wie der Wald speichern zu können. (z.B. Jones (2004), Carbon sequestration in temperate grassland ecosystems and the influence of management, climate and elevated CO₂, New Phytologist.)
Dazu hat Gras eine sehr starke Humusbildung und schützt vor Erosion.
Da man die Weltbevölkerung aber nicht mit Holz ernähren kann, klingt die Entscheidung Wald gegen Nahrung fast zynisch.
Will man die klimaschädlichen Aspekte der Ernährung reduzieren, reicht es aber nicht nur die Produktion zu betrachten:
Ein 2022 veröffentlichter Artikel geht von der doppelten Freisetzung von klimaschädlichen Gasen für den Transport als bei der Produktion der Lebensmittel aus (*).
Will man also eine möglichst klimaneutrale und nachhaltige Ernährung, müssen möglichst viele Bestandteile der Nahrung aus der Region kommen.
Daher ist ein wesentlicher Punkt bei der Betrachtung von nachhaltiger Landwirtschaft: wie weit wird unser Essen transportiert?
Einmal um die ganze Welt mit einem Schiff, das mit Rohöl betrieben wird und die Meere verschmutzt? Ist das auf die Mandeln aus Kalifornien, den Reis aus Indien, die Kichererbsen aus Südamerika und so weiter schon aufgerechnet?
Dazu kommt der LKW-Transport von den Schiffshäfen in Rotterdam, Malta oder Hamburg bis zu uns.
Aber vom Transport abgesehen: macht es Sinn, wenn sich der reichere Teil der Welt die meisten Lebensmittel von ärmeren Teilen kauft, so dass sich die Bevölkerung dort die Lebensmittel nicht mehr leisten kann?
Daher ist für uns klar:
wir wollen in Jahrhunderten erprobter Art und Weise unsere Flächen ökologisch bewirtschaften. Und das heißt, wir erzeugen unsere Futtermittel nahezu vollständig selbst, bringen nur den eigenen Dünger aus und lassen unsere Tiere so lange im Jahr auf der Weide, wie es die Witterung erlaubt.
So leisten wir unseren Beitrag für die Zukunft unserer Kinder.
(*) „Global freight transport associated with vegetable and fruit consumption contributes 36% of food-miles emissions—almost twice the amount of greenhouse gases released during their production“
Mengyu Li, Nanfei Jia, Manfred Lenzen, Arunima Malik, Liyuan Wei, Yutong Jin & David Raubenheimer. Nature Food 3, pages445–453 (2022)